Im November 2025 veröffentlichte das Analyseteam von CAKE/KOBiZE den Bericht „CBAM und Haushaltseinnahmen. Perspektiven für die EU und Polen“. Darin wird eine bisher selten offen diskutierte Frage direkt angesprochen: Wie viel Geld wird CBAM tatsächlich in die Haushalte der Europäischen Union und ihrer einzelnen Mitgliedstaaten, darunter Polen, einbringen, und welchen Einfluss werden diese Mittel auf die künftige Klimapolitik und die Wirtschaftsregulierung haben? Das Dokument ist nicht einfach eine weitere Studie zum Thema „CBAM“. Es ist ein fundierter Versuch, die potenziellen Einnahmen des Grenzmechanismus unter verschiedenen Annahmen zu CO₂-Preisen, sektoraler Reichweite und Reaktionen von Drittländern zu berechnen.
Die Autoren gehen von einer einfachen, aber entscheidenden Prämisse aus: Der CBAM ist nicht nur regulatorischer, sondern auch fiskalischer Natur. 75 Prozent der Einnahmen fließen in den EU-Haushalt, die verbleibenden 25 Prozent verbleiben in den nationalen Haushalten. Hinter den Kulissen wird ein strategisches Kräftemessen um eine neue, stabile Einnahmequelle geführt, die die Energiewende, Fördermittel für die Industrie und den Schuldendienst der EU finanzieren soll. Diese finanzielle Dimension ist von entscheidender Bedeutung, da sie den politischen Druck direkt beeinflusst, den Mechanismus nicht nur beizubehalten, sondern mittelfristig sogar auszuweiten statt zu reduzieren.
Die Methodik des Berichts basiert auf zwei Hauptachsen. Erstens analysiert sie den aktuellen Anwendungsbereich des CBAM, der Zement, Eisen und Stahl, Aluminium, Düngemittel und Strom umfasst. Je nach Sektor werden direkte Emissionen oder sowohl direkte als auch indirekte Emissionen berücksichtigt. Zweitens entwickeln die Autoren ein Erweiterungsszenario, in dem der Mechanismus nicht nur die indirekten Emissionen für Stahl und Aluminium im Jahr 2030 abdeckt, sondern auch eine Reihe weiterer energieintensiver Sektoren (Chemikalien, Raffinerieprodukte, Kunststoffe, Papier, andere Metalle) sowie ausgewählte Folgeprodukte wie Metallprodukte, Elektronik, Fahrzeuge, Transportausrüstung und einige Agrarprodukte. Wichtig ist, dass für verarbeitete Produkte die Emissionen der vorgelagerten Stufe der Lieferkette berechnet werden und nicht der gesamte CO₂-Fußabdruck, um den realen administrativen Beschränkungen und der Datenverfügbarkeit Rechnung zu tragen.
Die zweite Achse umfasst Annahmen zu CO₂-Preisen außerhalb der EU. Der Bericht geht nicht von einem einheitlichen Weltszenario aus, sondern betrachtet drei Varianten: vom Status quo, in dem sich die CO₂-Preissysteme außerhalb der EU moderat entwickeln und die Differenz zum EU-ETS hoch bleibt, über eine moderate Konvergenz (die Preise in Drittländern erreichen 2030 25 Prozent und 2035 50 Prozent des EU-ETS-Preises) bis hin zu einer starken Konvergenz, bei der diese Werte 50 bzw. 75 Prozent erreichen. Je höher der CO₂-Preis außerhalb der EU ist, desto größer ist der Anteil der bereits im Produkt des Herstellers „eingebetteten“ CO₂-Kosten, der von der CBAM-Verpflichtung abgezogen werden kann, und desto geringer sind somit die Einnahmen aus dem Grenzausgleichsmechanismus. Gleichzeitig wird angenommen, dass der Preis für EUA-Zertifikate im Jahr 2030 bei 123 EUR/t CO₂ und im Jahr 2035 bei 147 EUR/t liegt, dass die kostenlosen Zertifikate im Rahmen des ETS bis 2034 schrittweise abgeschafft werden und dass die Emissionsintensität der Produktion bei Importen moderat sinkt.
Vor diesem Hintergrund wird das Ausmaß der potenziellen Einnahmen deutlich. Bei der derzeitigen, engen Bandbreite der CO₂-Emissionen werden die Gesamteinnahmen der EU im Jahr 2030 auf 5–9 Milliarden Euro und im Jahr 2035 auf 6–22 Milliarden Euro geschätzt, je nachdem, wie stark sich die weltweiten CO₂-Preise an die europäischen angleichen. Im erweiterten Szenario steigen die Bandbreiten drastisch: auf 16–31 Milliarden Euro im Jahr 2030 und 20–75 Milliarden Euro im Jahr 2035. Dieses Niveau verändert die Struktur der EU-Haushaltsressourcen bereits erheblich und schafft einen starken Anreiz für die europäischen Institutionen, eine solche Erweiterung ernsthaft in Betracht zu ziehen. Für Polen bedeutet dies bei Beibehaltung der Importstruktur im Basisszenario 0,4–0,8 Milliarden Euro im Jahr 2030 und 0,5–1,9 Milliarden Euro im Jahr 2035, während es mit dem erweiterten CBAM-Programm 1,1–2,1 Milliarden Euro im Jahr 2030 und 1,4–5,3 Milliarden Euro im Jahr 2035 wären. Polens Anteil an den gesamten CBAM-Einnahmen der EU stabilisiert sich bei 7–8 Prozent.
Die Verteilung der Belastung auf die Herkunftsländer der Importe ist ebenfalls interessant. Derzeit dominieren klassische Importländer wie Russland, die Türkei und die Ukraine die Importeure von Stahl, Düngemitteln und Aluminium. Mit der Ausweitung des CBAM auf Chemikalien, Raffinerieprodukte und eine breite Palette verarbeiteter Güter verlagert sich die CO₂-Steuerlast hin zu Ländern mit hohen Exporten hochverarbeiteter Güter, vor allem China und den USA. Im erweiterten Szenario steigt Chinas Anteil an den gesamten CBAM-Einnahmen der EU von etwa 9 auf über 20 Prozent und im Fall Polens von etwa 11 auf etwa 25 Prozent. Dies bedeutet, dass der Grenzmechanismus die CO₂-Bilanz nicht nur am Ursprung der Rohstoffe, sondern auch in den globalen Wertschöpfungsketten, in denen europäische Kunden komplexe Fertigprodukte erwerben, realistisch erfasst.
Die Autoren des Berichts weisen offen auf die Grenzen ihres Ansatzes hin: Sie modellieren weder die Marktreaktion auf die Kosten von CBAM, noch berücksichtigen sie potenzielle Rückgänge der Importmengen oder Handelsumlenkungen, noch analysieren sie die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen oder die indirekten Steuereinnahmen. Ziel ist es daher, das „fiskalische Potenzial“ von CBAM aufzuzeigen und Szenarien zu vergleichen, anstatt eine präzise buchhalterische Prognose zu liefern. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ändert dies jedoch nichts an der zentralen Schlussfolgerung: Aus Brüsseler Sicht ist CBAM nicht nur ein Klimaschutzinstrument, sondern auch eine bedeutende Einnahmequelle, und jede Erweiterung des Produktspektrums wird eine solide Haushaltsgrundlage haben.
Was bedeutet das alles für Unternehmen, insbesondere in Polen? Der CO₂-Abgabemechanismus (CBAM) wird bestehen bleiben und voraussichtlich erweitert werden. Aktuell betrifft er Importeure von Stahl, Aluminium, Zement, Düngemitteln und Strom. In den kommenden Jahren ist es realistisch, dass der Mechanismus auch Chemikalien, Raffinerieprodukte, Kunststoffe, Papier und eine breite Palette verarbeiteter Produkte – von Metallkomponenten bis hin zu Fahrzeugen und Elektronik – umfasst. Für Importeure bedeutet dies den Aufbau nachhaltiger, systemischer Kompetenzen im CO₂-Management der Lieferkette: Daten von Herstellern außerhalb der EU einholen, deren Qualität überprüfen, das Risiko der Herkunftsländer bewerten, szenariobasierte CBAM-Kostenberechnungen durchführen und – ebenso wichtig – Kaufentscheidungen treffen, die die zukünftige CO₂-Steuerbelastung und nicht nur den aktuellen Rohstoffpreis berücksichtigen.
Für die polnische Wirtschaft insgesamt birgt der Bericht eine weitere wichtige Botschaft. Im erweiterten Szenario fördert der CBAM ein Modell, in dem die Entwicklung der Verarbeitung und Produktion von höherwertigen Produkten innerhalb der EU rentabler wird, während gleichzeitig die Einfuhr emissionsintensiver Halbfertigprodukte und Komponenten begrenzt wird. Anders ausgedrückt: Das System begünstigt die Verkürzung und Vernetzung von Lieferketten innerhalb der EU sowie Investitionen europäischer Hersteller in die Dekarbonisierung. Unternehmen, die bereits heute mit der Erfassung ihrer Emissionsdaten beginnen, Beziehungen zu Lieferanten aufbauen, die den CBAM verstehen, und CO₂-Kosten in ihre Geschäftsmodelle integrieren, werden eine deutlich stärkere Verhandlungs- und Wettbewerbsposition haben, sobald der Grenzmechanismus vollständig umgesetzt und sein Anwendungsbereich über den heutigen engen CN hinaus erweitert wird.






























